Gehe hin, stelle einen Wächter

Es passiert eher selten, dass elektronische Leseexemplare eintreffen, die einem Hype vorauseilen. Auch wenn alle Bestseller sein wollen, die meisten sind B-Ware, mit denen man die Zeit mehr oder minder überbrücken kann. Die Random House-Kollegen schickten per Mail heute einen Roman, dessen Hype seit mehr als einem knappen halben Jahr stetig ansteigt: Harper Lees „Gehe hin, stelle einen Wächter„. Heute nun ist das Buch auf englisch erschienen.

Foto: Random House
Foto: Random House

Vieles ist an der Veröffentlichung ungewöhnlich. Zu allererst der Umstand, dass das Manuskript verloren geglaubt wurde – oder bewusst. Dass die Fortsetzung um ihren aufrichtigen Helden Atticus Finch 55 Jahre nach der Erstveröffentlichung von „Wer die Nachtgall stört“ (in einer Neuausgabe) erscheint, ist ebenso erstaunlich wie die Entdeckung des Manuskripts selbst und die Fehde der Pulitzer-Preisträgerin mit ihrem Verlag Harper Collins, wie in der New York Times vom Februar diesen Jahres nachzulesen ist.

Der Umstand, dass die Handlung knapp 20 Jahre nach der „Nachtigall“ spielt, geriet bei dem Hype, den die englischsprachigen Feuilletons jenseits des Atlantiks beschworen, fast schon Nebensache. Wenig vom Inhalt drang nach außen, bis kürzlich der britische Guardian das erste Kapitel veröffentlichte.

Fest steht: der aufrechte Anwalt Finch – nicht minder aufrecht in der Verfilmung von Gregory Peck verkörpert – wird von seiner Schöpferin um 180 Grad gewandelt. Sein Saubermann-Image im Buch, das gerade von Pecks Darstellung so untermauert wurde, nimmt Harper Lee rücksichtslos auseinander wie man liest. Im Daily Telegraph können ganz neugierige Leser zehn Dinge über die Handlung, die bislang feststehen oder vermutet werden.

Ich freue mich auf das Buch, auch, weil ich wie viele die Verfilmung mochte. Ob sich die 89-jährige Autorin und ihre Rechretreuhändler mit der Veröffentlichung ihres zweiten(!) Buches, das sie offenbar vor ihrem Klassiker verfasste, einen Gefallen taten, bleibt abzuwarten. Geliebte Romanfiguren umzukehren, kam bei Lesern selten gut an.

Aber vielleicht kommt mit dem Hype auch eine Form der Sehnsucht wieder: nach den beschaulichen, wenngleich ebenso rassentrennenden USA der 1950er Jahren. Die Debatte über die (vermeintliche) Überwindung des Rassismus dort scheint nach Ansicht der Süddeutschen Zeitung auch durch das Buch wieder an Fahrt aufgenommen zu haben.

Auf deutsch ist das Buch ab 17. Juli 2015 erhältlich und bei der Deutschen Verlagsanstalt erschienen.

Zum Abschluss noch ein YouTube-Video von Harper Collins:

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