English Cooking

Die englische Küche ist für viele, mich eingeschlossen, oft ein schwer nachvollziehbarer Reigen kulinarischer Verzweifelungstaten. Es fängt beim Haferschleim Porridge an, der laut FAZ ob seiner Vielfältigkeit derzeit eine Renaissance erlebt, geht über die unzähligen Fleischpasteten und endet beim üppigen „full english breakfast“ mit Bohnen in Tomatensauce, gebratenen Würsten (inklusive „black pudding„), Speck und Spiegelei.

Ist die Kochkunst auf der Insel jenseits des Ärmelkanals für uns gaumenverliebte Europäer eine Geschichte voller Missverständnisse? Oder sitzen wir nur Vorurteilen auf, die sich um die Worte „fettig“, „speziell“ und „gewöhnungsbedürftig“ drehen? Wie bei Mythen steckt dahinter viel Unwissenheit und Schutzbedürfnis, dem es zu begegnen gilt.

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Foto: dtv

Das dachte sich wohl auch Patricia Clough, als sie 2001 „English Cooking“ erstmals herausgab. Die Britin, die lange als Korrespondentin in Deutschland für die London Times tätig war, legte damals ein Buch vor, dessen Untertitel Programm war: „Ein schlechter Ruf wird widerlegt.“

In der Neuauflage von 2013 fehlt jene kleine Kampfansage an die Spötter. Sie wurde ersetzt durch einen nicht minder selbstbewussten Untertitel: „Tradition wird Trend.“ Gleich blieben die augenzwinkernden Eingangssätze der Autorin:

Ein englisches Kochbuch!? Horror! Und gewiss das kürzeste Buch der Welt!

Auf knapp 180 Seiten führt uns Patricia Clough in die Feinheiten und Traditionen englischer Küche ein – kurz geht irgendwie anders. Die ersten Seiten beschreiben die englische Kochkunst (englisch ist wörtlich gemeint, walisische oder schottische Küche sind eher Randthemen)  im allgemeinen und ihre erfolgreichen Köche im speziellen. Welchen Stellenwert Heston Blumenthal, Nigel Slater oder Jamie Oliver auf und längst auch jenseits der Insel haben.

Stolz verweist Clough auf den Umstand, dass auch in Deutschland der Trend bemerkbar sein und einige Restaurants und Cafés auf Speisen ihrer Heimat spezialisiert sind (wie etwa das „East London“ in Berlin oder das „Victorian House“ in München). Zehn Jahre zuvor habe sie noch vom kulinarischen Aschenputtel geschrieben, nun aber seien die Klischees über die Küche zusammengebrochen. Zufrieden stellt die Autorin in der überarbeiteten Neuausgabe fest:

Der schlechte Ruf der englischen Küche verflüchtigt sich, und Cinderella geht auch zum Tanz.

Trends hin oder her – das Buch stellt sich ganz in den Dienst, uns Kontinentaleuropäern die traditionellen Gerichte und ihren Hintergrund schmackhaft zu machen. Los geht es – natürlich – mit dem „english breakfast“. Neben den Rezepten der üblichen Verdächtigen Porridge, Scrambled Eggs und Orangenkonfitüre wird auch jene Frage erörtert, ob man den heutzutage viel besser schmeckenden (und noch besser aussehenden) Haferschleim im Stehen oder im Sitzen einnehmen soll – in der „Times“ seien darüber heftige Debatten entbrannt.

Im lockeren, aber stets verbindlichen, kompetenten Plauderton nimmt die Autorin ihren Lesen weiter mit auf die Reise durch Suppen, Roastbeefs, Tee und typisch englischen Weihnachtsgenüssen. Nach der umfassenden Lektüre fällt die Unterscheidung der verschiedenen „puddings“ (Achtung, nicht nur an Süßspeisen denken!) ebenso schwer wie die unverzichtbaren Ingredienzien eines echten Afternoon Teas – auch auf ein Rezept für die beliebten Scones muss der Leser nicht verzichten.

Afternoon Tea im Milestone Hotel
Afternoon Tea im Milestone Hotel (eigenes Bild).

Wobei hier eine Anmerkung gestattet sein muss: Man kann nicht nur im „Ritz“ einen prächtigen Afternoon Tea mit allem Drum und Dran bekommen, auch wenn das Ambiente in der Tat einzigartig ist. Meine Erfahrungen im „Savoy“ oder im „Milestone Hotel“ am Kensington Court sprechen da eine andere Sprache.

Neben den zahlreichen Rezepten im eigenen Register gibt Patricia Clough am Ende des Buches nicht nur einen Überblick über beliebte englische Getränke wie Pimm’s No. 1. Auch ein Spezialiäten-Glossar erläutert, was es mit Marmite, Fudge und Cumberland Sausage auf sich hat.

Einen kompakteren und zugleich lesenswerteren Führer durch die englische Küche gibt es in deutscher Sprache derzeit nicht.

Fazit: An diesem Buch kommt kein Anglophiler vorbei. Patricia Clough versteht es gekonnt, die englische Küche näher zu bringen und schmackhaft zu machen. Dass es ihr sicher nicht vollends gelingen wird mit Vorurteilen aufzuräumen, liegt sicherlich an einigen Umständen. Porridge mag heutzutage besser aussehen und schmecken – ob man deshalb der Haferschleimspeise unvoreingenommer begegnet? Auch die Blutwürste und verschiedenen Pastetenvarianten werden nach der Lektüre nicht zwangsläufig mehr Anhänger finden.

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Cover der Erst- und E-Book-Ausgabe (Foto: dtv).

„English Cooking“ ist pointiert, kenntnisreich und ein unterhaltsamer Lesegenuss, der jedem England-Freund und Kochliebhaber allein aus Interesse ans Herz gelegt werden muss. Einen kompakteren und zugleich lesenswerteren Führer durch die englische Küche gibt es in deutscher Sprache derzeit nicht.

Das Buch ist bei dtv erschienen und kostet in der Printversion € 14,90. Die E-Book-Ausgabe ziert interessanterweise das Cover der Erstausgabe und ist für € 7,90 als Download erhältlich.

 

Mehr zum Thema englische/britische Küche gibt es auf folgenden Links zu lesen:

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