Achtung, Eichhorn!

Lassen Sie uns kurz über Eichhörnchen reden. Possierlich, stets umtriebig, hübsch anzusehen – wer mag sie nicht? Die roten oder gräulichen Säuger mit dem Puschelschwanz sind quasi das Spiegelbild der Nacktmulle, die alle die Eigenschaften oben – zumindest auf den ersten, zweiten und dritten Blick – so gar nicht auf sich vereinigen kann. Sciurus vulgaris ist anders, egal ob man sie Oachkatzl (bairisch), Echerle (fränkisch) oder Eichkater nennt.

Auf der Suche nach der verlorenen Nuss

Foto: S. Fischer
Foto: S. Fischer

Sein naher Verwandter, das Alpenmurmeltier, wird in Brehms Tierleben (die schönsten Geschichten gibt es als Taschenbuch als im Fischer Verlag) als sprungmüder Nager dargestellt, der solange seine nächste Umgebung in panischer Angst betrachtet „bevor es sich nicht auf das sorgfältigste überzeugt hat, dass keine Gefahr droht.“

All das kann man auf die Bewohner, die auch im Garten hinter unserer Wohnung herumtollen, nicht sagen. Was mir neben ihrem Aussehen und der Unrast am meisten bei den Eichkatzen gefällt: ihre nie enden wollende Neugier und ihre Ernährungsvergesslichkeit. Die Erklärung beider Eigenschaften ist womöglich ganz simpel: ständig auf der Suche nach der verlorenen Nuss.

Echerle-Exzess im Honeybourne Railway Club

Ihre Neugierde und Findigkeit schlagen sich immer wieder in Meldungen wieder. Mal machen sie als randalierende Gelegenheitstrinker von sich reden oder als Sammler mit Hang zu originellen Verstecken. Zuletzt wurde bekannt, dass Eichhörnchen auch über Stalker-Qualitäten verfügen, denen erst die Polizei Einhalt gebieten kann, wie jüngst der WDR aus Bottrop berichten musste.

Während Deutschland derzeit ein Hoch an Eichkatzennachrichten vermelden kann, sieht das in Großbritannien ganz anders aus. Dort nahm man den Bottroper Vorfall – vermutlich aus dem Hang zu britischer Exzentrik und Pubseligkeit – genauso zur Kenntnis wie den Echerle-Exzess im Honeybourne Railway Club nahe Evesham in Worcestershire (über den auch die BBC landesweit berichtete).

In Großbritannien sind die Nagetiere Allzeitthema und das hat seinen Grund: die Farbe rot. Ähnlich der politischen Parteienlandschaft hier und dort, sind die roten Eichhörnchen auf dem Ruckzug, wie auch bei uns im Tagesspiegel zu lesen. Der Grund ist die „graue Gefahr“. Die grauen Artgenossen sind weniger wählerisch bei der Nahrungssuche und wohl auch weniger vergesslich. Zudem ist es im Winter widerstandsfähiger und überträgt den roten Vettern die tödlichen Eichhörnchen-Pocken, die den Grauhörnchen selbst nichts anhaben kann. Und es kommt noch schlimmer. Neben roten, grauen und rot-braunen Varianten, scheint eine schwarze auf dem Vormarsch zu sein, wie der Daily Telegraph meldet.

eichhoernchen-auf-bunhill-fields-11aa666e-632d-4833-9ce1-5c92fd9b3a9d
Grauhörnchen von Bunhill Fields, London. (eigenes Bild)

Ein Schuft, der dabei an die Parteienverhältnisse der Großen Koalition und die an die unglückliche roten Genossen denkt, die gegen die graue Leaderin Angela Merkel vergeblich ankämpfen. Das Thema ist auf der Insel ein großes Ding. Selbst der britische Thronfolger Prinz Charles schaltete sich bereits ein. Der Naturfreund ist beim Schutz der roten Hörnchen nicht gerade zimperlich. Wie der Spiegel im vergangenen Jahr berichtete, lässt der Prinz auf seinen Landgütern die grauen Nager kurzerhand töten. Ein wenig radikal, wenn man das auf die Hoffnungen der Roten hierzulande überträgt…

Kein einziges Eichhörnchen darf es geben, das die NSA nicht kennt.

Andernorts wird gar nicht zwischen grau und rot unterschieden, sondern sorgt sich um die Folgen ihrer verursachenden Schäden. In den USA ist man viel weiter, da hört es mit dem Verhätscheln der Eichhörnchen auf, wie Kolumnen-Kollege Axel Hacke berichtet. Schon vor zwei Jahren wies er in seinem Text darauf hin, dass nicht etwa Edward Snowdon die größte Bedrohung für die NSA (und somit für die kompletten Vereinigten Staaten) darstelle, sondern eben jene Oachkatzeln. Ihre Vorliebe fürs Anknabbern von Stromkabeln stelle eine Gefahre riesigen Ausmaßes dar. So müsse der NSA folglich zum Schutz der Sicherheit die Komplettüberwachung jeden US-Nagers angehen. Hacke schlussfolgerte in seiner Kolumne: „Kein einziges Eichhörnchen darf es geben, das die NSA nicht kennt.“

Nehmt den Nager endlich ernst!

Vielleicht ist das Nagetier doch nicht so possierlich, und wir alle fallen nur allzugern auf das Äußere rein. Steckt hinter der Fassade mit Puschelschwanz und Kullerauge doch ein ausgebufftes Cleverle, das uns nicht nur auf, sondern vor allem an die Nüsse gehen will? Für Tom Hörner ist der Bottroper Vorfall jedenfalls ein Warnschuss. Er könne nicht länger unbescholten laufen, vor Angst das nächste Opfer eines Stalker-Hörnchens zu werden. Er fordert in seiner Kolumne vielleicht nicht zu unrecht: „Nehmt den Nager endlich ernst!“

kunterbunt:titel_test
Foto: Jacoby & Stuart

Und wir müssen auf der Hut sein, wie ich gerade nochmal in Axel Schefflers „Über das Halten von Eichhörnchen – Ein Ratgeber“ nachgelesen habe. Scheffler muss es wissen, der Experte auf dem Gebiet. In zahlreichen Werken finden sich die Nager von ihm wieder, auch im Grüffelo. Und es ist sicher kein Zufall, dass er den Text aus jener englischen Kinderenzyklopädie wiederentdeckte (auf deutsch verlegt bei Jacoby & Stuart). Dahinter steckt womöglich eine Warnung.

Als meine Ausgabe des Ratgebers bei der Büchergilde Gutenberg in der Reihe der „Tollen Hefte“ erschien, enthielt sie noch eine Beilage aus Conrad Gesners „Allgemeinem Thier-Buch“ (erschienen 1669). In dem Auszug heißt es, dass die Eichkater im Sommer bei starker Hitze einfach ihren Schwanz als Dach benutzen und sich so ihren eigenen Sonnenschutz per Dachschatten schaffen.

Ich frage Sie: Können wir das? Also müssen wir uns tatsächlich vor jenen Dachschattenschwanzwesen – ob rot, grau, braun oder schwarz – wohl oder übel in acht nehmen. Schluss mit falscher Possierlichkeit. Von nun heißt es: Achtung, Eichhorn!

Noch eine Anmerkung: Der Aufstieg der Grauhörnchen in Großbritannien scheint vorläufig gestoppt. Wie die Daily Mail Ende vergangenen Jahres berichtete, seien die roten Verwandten wieder in Arealen gesichtet worden, in denen sie vorher lange vergeblich zu beobachten waren.

Bei allem Scherz: Rund um das Thema Eichhörnchen, besonders im Hilfefall, ist die informative Seite Eichhörnchen-Schutz erste Anlaufstelle.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s