Bilder im Kopf

Foto: Random House
Foto: Random House

Die Biographie von Michael Ballhaus enthält im Prolog die wundervollen Sätze:

„Es gab in diesem Leben immer viel Anfang. Davon will ich erzählen.“

Und erzählen kann Deutschlands wohl international bekanntester und renommiertester Kameramann tatsächlich eine Menge, allerdings ohne zu schwafeln – eine der Tugenden, die das Buch so angenehm machen.

Wie er seine Arbeit liebt, erzählt Ballhaus nachdrücklich, mit allen seinen Nuancen, Höhen und Tiefschlägen. Das ist nicht nur für Filmfreunde interessant, auch für Leser, die wissen möchten, wie jemand den Sprung ins amerikanische Filmgeschäft geschafft hat und  dort allseits anerkannt wurde.

Hollywood

Natürlich werden Filmkenner die Seiten mögen, in dem der „Director of Photography“ (DoP) über seine Hollywood-Arbeiten mit Martin Scorsese, Mike Nichols oder Werner Petersen spricht.

Am meisten wird man sich schließlich fragen, wie eindrucksvoll wohl der „Ballhaus-Kreisel“ in „The Departed“ ausgesehen haben muss: Der Regisseur zerhackte sie, die letzte und siebte Zusammenarbeit mit Scorsese endete für Michael Ballhaus betrüblich.

Wir hatten eine Kreisfahrt, die ich, wenn sie es ins Kino geschafft hätte,  zu den schönsten meiner ganzen Laufbahn zählen würde.

Die schönsten Beschreibungen liefert die Biographie, wenn sie seinen Verfasser von den Begegnungen mit den Hollywoodstars berichten lässt. Wie er von John Travoltas Bill Clinton-Verkörperung in „Primary Colors“ (dt. „Mit aller Macht“) schwärmt oder sofort von Emma Thompson hingerissen ist: „Ich begann für sie zu glühen.“

Wie ein Schuljunge, der immer noch nicht fassen kann, dass er jetzt mit den Großen spielen darf, erscheint Ballhaus in jeden Passagen. Das macht ihn ungemein sympathisch, weit über seine Filmarbeit hinaus.


Ohnehin ist der warme, herzliche und charmante Ton des Buchs das wohl größte Plus von „Bilder im Kopf“. Nie wirkt etwas aufgesetzt oder hämisch, auch die Zeit mit Rainer Werner Fassbinder nicht. Als „Fassbinder-Geschöpf“ enden wollte der Berliner nicht –  auf schmuddelige Details aus jener Ära wartet der Leser vergeblich.Vielmehr gibt er Einblicke hinter die Kulissen der sechzehn Produktionen, die er für Fassbinder filmte.

Uneitel, unprätentiös

Überhaupt hält sich das Private mit der Filmarbeit ausgewogen die Waage. Ballhaus erzählt knapp über seine Herkunft, die ersten Arbeiten beim Fernsehen – die 46 Jahre mit Ehefrau Helga nehmen da eher einen kleinen Rahmen ein, schimmern allenfalls hie und da durch. Gleichwohl: die beiden Kapitel über ihren plötzlichen Tod und seine Verzweifelung („Ich war schon Helgas Mann gewesen, da war ich noch kein Kameramann. Und jetzt war ich beides nicht mehr.“) und seine neue Frau Sherry Hormann sind berührend und unprätentiös.

Ich war schon Helgas Mann gewesen, da war ich noch kein Kameramann. Und jetzt war ich beides nicht mehr.

Auch sein Epilog, in der er Auskunft über seine unheilbare, schleichende Erblindung gibt, ist wohltuend frei von Pathos und Ärger. Er, der stets mit den Augen arbeitete, entdecke die Welt nun anders. Die Freude an Stimmen und Hörbuchern lasse ihn nicht resignieren. Viel gelesen habe er vorher nie – deshalb bedeute ihm die Hörfreude und das Entdecken der Literatur sehr viel: „Ich fange ja gerade erst damit an. Und anfangen, das war mir immer das Liebste.“

Das ist mindestens ein Grund, diese wundervolle Biografie über einen Menschen zu lesen, der auch jetzt mit dem Anfangen noch nicht aufhört.

  • Erschienen ist „Bilder im Kopf“ im DVA Verlag. Auf der Verlagsseite gelangt man zu Leseprobe und Terminen zu Lesungen von Michael Ballhaus und seinem Co-Autor Claudius Seidl.

Berührend sprach Michael Ballhaus selbst über sein Buch in SWR:

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Foto: Berlin Verlag

Für jene, die noch mehr über die Arbeit des Kameramanns erfahren möchten, denen sei das Buch „Das fliegende Auge – Michael Ballhaus – Director of Photography im Gespräch mit Tom Tykwer“ empfohlen.

Es ist 2011 in einer erweiterten Auflage im Berlin Verlag erschienen.

 

 

Dieser Post ist eine Wiederveröffentlichung des alten Blogs aus dem vergangenen Jahr.

 

 

 

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Ein Kommentar zu „Bilder im Kopf

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