Fußballgefühle

9783888979330
Foto: Verlag Antje Kunstmann

„Fußballgefühle“ heißt das neue Buch von Axel Hacke. Das ist zunächst übertrieben und pfiffig zugleich. Auf der ersten Seite gibt der bekannte Kolumnist zu:

„Ich bin kein Fußballfan, das Fansein liegt mir nicht, ganz generell.“

In dem Satz schwingt gehörig Koketterie mit und gibt die Richtung für das Fußballbuch vor. Dem Leser werden keine glühend heißen Passionsgeschichten über das Kicken präsentiert, ebenso wenig werden neueste Taktiken fein ziseliert dargestellt oder „Jahrhundertspiele“ seitenweise erinnert. All das ist Hackes Sache nicht, um seine großen Gefühle geht es weniger.

Geglückte Steilvorlagen

Und doch nutzt der gebürtige Braunschweiger geschickt seine persönlichen Erinnerungen und Begegnungen mit dem Fußball – sie sind seine Steilvorlage für seine Betrachtungen über den Ballsport. Sie geben die Marschroute für die knapp 180 Seiten vor, die der Süddeutsche-Kolumnist wie ein verdeckter Mittelstürmer präsentiert.

Eine andere Zeit. Aber das Spiel ist immer noch das gleiche.

Köstlich ist gleich zu Beginn, wie der 25-jährige Hacke von seiner ersten Anstellung als Sportreporter schreibt. Bei Waldhof Mannheim – ohne Presse-Tribüne – musste er seinen Bericht ins Telefon zu seinem Stenografen in die Redaktion nach München brüllen – während der Partie, umringt von text-beäugenden Fans. Nach über 30 Jahren stellt er fest, wie seltsam jene Arbeit und die Erinnerung angesichts des technischen Fortschritts damals war und tröstet sich: „Eine andere Zeit. Aber das Spiel ist immer noch das gleiche.“

Fußballzeit und Nichtfußballzeit

Groß ist wie stets bei Axel Hacke das Kleine, der beiläufige Gedankenblitz, die fein beobachtete Idee, die er so gekonnt in seinen Kolumnen ausbreitet. Da ist etwa der große und doch einleuchtende Bogen, den er vom Amundawa-Stamm zum männlichen Fußballfan spannt. Das Volk aus dem Regenwald teile das Jahr in zwei Teile ein: Trockenzeit und Regenzeit. Mehr geht nicht, das Messen des Zeitfortschritts ist dem Stamm unbekannt – die Amundawa kennen nur die Zahlen eins und zwei. Der gemeine Fußballfreund – hauptsächlich männlich – funktioniere laut Hacke ähnlich simpel, was die Zeiteinteilung angeht: es kennt „Fußballzeit“ (Saison) oder „Nichtfußballzeit“ (Nichtsaison). Wer wolle da widersprechen?

Emotion und Chelsea-Andy

Fußball ist Emotion, aber man muss darüber nicht gefühlsduselig schreiben. Und das beweist Hacke bei seinen Begegnungen mit Fußballern und Fans am besten: ob Berti Vogts, dem Iraner Spud oder der in München bekannte Chelsea-Andy. Durch ihre treffenden Beschreibungen bekommen Hackes Reflexionen, die für den normalen Fußballfreund oft ein wenig zu ausholend sein könnten, ihr Unterfutter. Da lässt er Menschen hinter und neben der sportlichen Bühne lebendig werden, die für ihren Sport brennen, ihn durchleben und mit ihm leiden – im Gegensatz zu ihm selbst.

Weil Samstag ist von Frank Goosen
Foto: Random House

Er bleibt norddeutsch distanziert, ganz der gewitzte Journalist und glüht längst nicht so inbrünstig wie Frank Goosen – ein echter Fan vom VfL Bochum – in seinem wundervollen Buch „Weil Samstag ist„. Innige Leidenschaft ist Hacke fremd – für seine Form auch nicht nötig. Wo Goosen Fan mit allen emotionalen Tiefen und Höhen amüsant und lebendig ist, strebt der Wahl-Münchener Hacke nach dem feingeistigen Gedanken hinter dem Thema.

Hacke überlässt konsequent dem FAZ-Kollegen Dirk Schümer das Resümee: Fußball rühre an die tiefsten Geheimnisse des Lebens und funktioniere nicht nur beim Sieg: „Er führt vor, dass man in Gemeinschaft nach einer Niederlage besser trauern kann“, so Schümer.

Geistreiches Sammelsurium Hackescher Fußballgedanken

Leser, die Axel Hackes Kolumnen schätzen, Fußball aber weniger, werden dennoch nicht enttäuscht. Da sind seine amüsanten Gedanken zum „Sound des Fußball“ samt kurioser Spielerlisten, wie etwa der „Alptraum der Radioreporter“ oder  seine Zeit als Straßenfußballer (Stichwort: Flurfußball). Dennoch ist erfreulich, wie wenig Hacke den Wumbaba-Liebhabern Zucker gibt. Obwohl er en passant unzählige Facetten in seinem unnachahmlichen Stil beleuchtet, klammert er dunkle Seiten wie die Attacke auf Daniel Nivel während der WM 1998 in Lens oder die bevorstehende WM in Katar nicht aus – hier bilden Analyse und Reportageblick eine eindringliche Einheit.

Insofern ist Fußball schöner als das Leben.

Axel Hacke

Tiefschürfende oder ganz und gar neue Einsichten über den Ballsport sollte man nicht erwarten. Dafür liegt ein ebenso geistreiches wie kurzweiliges Lesebuch über eine Sportart vor, die bei jeder Partie alles auf Anfang setze samt neuer Hoffnung. „Insofern ist Fußball schöner als das Leben“, schließt Hacke – ein schönes (Fußball)gefühl.

  • Fußballgefühle von Axel Hacke ist im Verlag Antje Kunstmann als Buch und E-Book erschienen. Ein Hörbuch ist ebenfalls erhältlich und wird von dem Autor selbst gesprochen.

Hier noch der Buchtrailer:

Der Blogpost ist eine Wiederveröffentlichung des gleichen Postings meines alten Blogs aus dem vergangenen Jahr.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s