Kein Ebook stört die Nachtigall

Klassiker – die Antipoden zu Modetrends. Während die Mode den Trend des Momentums initiiert und einen schnellen Tod stirbt, steht der Klassiker wie ein ewiger Fels in der Brandung. Er steht für Einfluss, Bekanntheit und Traditionswert. So drückt es die Wikipedia aus. Man könnte ebenso gut Ernest Hemingway bemühen:

Ein klassisches Werk ist ein Buch, das die Menschen loben, aber nie lesen.

Bei einem Klassiker, der dieser Tage in aller Munde ist, verhält es sich anders. „Wer die Nachtigall stört“ wird auch 55 Jahre nach seinem Erscheinen (gerne) gelesen. Harper Lees Buch ist eine feste Bank im nordamerikanischen Literaturkanon, hat Generationen beeinflusst (und tut es noch heute) – auch jenseits der Schulen, in der es noch immer Lektüre ist. Beststeller-Autor Scott Turow brachte den anhaltenden Erfolg von „To Kill a Mockingbird“ auf den Punkt: „It can still be read by thirteen-year-olds. It can be read by blue-haired ladies and men with callused hands.”

„Ein Verleger, der sich um Harper Lees Vermächtnis kümmern würde, hätte die Veröffentlichung abgelehnt.“

Jenseits des Atlantiks, wo die Beliebtheit des Romans um Atticus Finch nach wie vor ungebrochen ist, wagt aktuell Joe Nocera in der New York Times die These, ob uns von Lees Verlag Harper Collins mit „Gehe hin und stelle einen Wächter“ vielleicht nur ein erster „Nachtigall“-Entwurf aufgetischt wurde, den ein verantwortungsvoller Verleger besser nicht veröffentlicht hätte. Nocera spricht von nichts weniger als Betrug – an der Autorin, an den Lesern sowie an dem Klassiker selbst: „Ein Verleger, der sich um Harper Lees Vermächtnis kümmern würde, hätte die Veröffentlichung abgelehnt.“

Wie geschickt Harper Collins mit der (vermeintlichen) Neuerscheinung auch umgegangen ist: das Licht fällt auf den Klassiker zurück. Und richtig: Warum nicht noch einmal dieses wunderbare Buch lesen, das sich laut Felicitas von Lovenberg in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung „in jeder Hinsicht – stilistisch, sprachlich, thematisch – so grandios gehalten hat, wie es nur große Literatur vermag“?

Das Buch habe ich vor einer halben Ewigkeit gelesen. Meine Erinnerungen an Roman und die gelungene, viel zu selten ausgestrahlte Verfilmung mit Gregory Peck sind schwach. Details wollen mir nicht mehr in den Sinn kommen. Nachschlagen im heimischen Bücherregal hilft auch nicht, die „Nachtigall“ scheint ausgeflogen zu sein. Eine Neubearbeitung ist soeben erschienen, ein Grund mehr sich abermals nach Alabama zu begeben.

Mein neuerlicher Ausflug dahin sollte elektronisch sein. Beim Rowohlt Verlag bat ich, mir das E-Book zuzusenden. Nur wenige Minuten später erhielt ich von der Key Accounterin die Antwort, dass sie mir „sehr, sehr gerne“ Harper Lees Buch als elektronische Ausgabe zusenden würde, aber sie könne nicht. Wie bitte? Der Grund: es gibt kein E-Book. Derlei alte Rechte für eine elektronische Ausgabe neu auszuhandeln, könne recht kostspielig werden, führte sie weiter aus.

Ein Klassiker, der der Moderne trotzt, sich neuen Lesegewohnheiten entzieht und sich einer traditionellen Veröffentlichung treu bleibt – wo gibt es sowas noch? Buchpuristen wie Sven Regener mag es vielleicht freuen. Regeners Werke dürfen bei Erstveröffentlichung nicht zeitgleich elektronisch vorliegen, wie er Deutschlandradio Kultur verriet. Ich fand es überraschend und eigenartig zugleich. Schließlich engt man so auch die potentielle Leserschaft künstlich ein. Bevor Traditionalisten gleich vor Freude überschnappen: auf englisch entfällt der Printvorteil. Eine elektronische Ausgabe ist problemlos zu erwerben.

Die Spottdrossel liefe Gefahr, selbst verspottet zu werden.

Um Gegenwartsliteratur und seine Einflüsse zu verstehen und den Lesegenuss zu steigern, sollte man die Klassiker kennen. Und Harper Lees „Nachtigall“ gehört unbestritten dazu. Einem einflussreichen wie geschätztem Buch sollte man das Publikum nicht verweigern, das auch elektronisch liest. Da sollte Rowohlt nachverhandeln, sonst wird aus dem Buch ein überflüssiger Anachronismus. Anders gesagt: die Spottdrossel – so heißt „mockingbird“ richtig übersetzt – liefe Gefahr, selbst verspottet zu werden. Daran kann dem deutschen Verlag sicher nicht gelesen sein.

Foto: Rowohlt Verlag
Foto: Rowohlt Verlag

Nikolaus Stingls vollständige Neuberarbeitung von Claire Malignons Übersetzung ist wie schon zuvor im Rowohlt Verlag erschienen, versehen mit einem Nachwort von Felicitas von Lovenberg. Auf der Verlagsseite sind Leseprobe und Stimmen zu „Wer die Nachtigall stört“ zu finden.

Anlässlich des 50. Geburtstags der Veröffentlichung sind 2010 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung („Es war einmal in Alabama„) und im New Yorker („‚To Kill a Mockingbird‘ at Fifty„) zwei äußerst lesenswerte Artikel erschienen. Im letzteren ist auch das Zitat Scott Turows enthalten.

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