Die Ferien-Zen-Meister

Fünf Tage Urlaub liegen hinter uns. Wir hatten es uns in unserer Ferienwohnung mit dem riesigen Garten gut eingerichtet. Murren, Brüllen oder nonverbales Widersprechen waren für die Zeit kaum wahrnehmbar. Überraschenderweise fragte ich mich in einer stillen Minute, ob es das wirklich unsere Tochter war, die wir hier hatten.

Statt eines Kindes, das gegen Ende seiner Kindergartenphase permanent im Angriffsmodus des unausgeschlafenen, übellaunigen Raubtiers zu sein schien, erlebten wir hier einen Nachwuchs, der mit sich, der Welt und seinen Eltern im reinen war – und überdies lange schlief. Sicher, es könnte am etwas ungezügelten Fernsehgenuss gelegen haben. Ich tippe indes auf die Luft des Neuen, die Aura der Veränderung oder schlicht kindlichen Fatalismus. Sensationell sanftmütige, luftige Dialoge entsponnen sich:

Ferienphilosophie, an der sich Nietzsche die Zähne ausgebissen hätte. Was ist Weltschmerz gegen kindlichen Eskapismus? Während dieser Zeit erschien ein vorzüglicher Text des Kolumnen-Kollegen Philipp Holstein von der Rheinischen Post. Er schrieb von den ersten großen Ferien seines Sohnes David. Der Kollege berichtete vom Frankreich-Urlaub, von Legobaustellenverabredungen und die Erinnerung an die eigene Sommerferienpremiere.

Die Kolumne mündete in einen treffenden Vergleich: die Ferienzeit mit eigenen Kindern bringe einen für alle Beteiligten unschätzbaren Zen-Moment hervor, der bloß nicht kürzer als sechs Wochen sein dürfe und den es zu wahren gelte. Passenderweise hieß der Text „Mit dem Sohn im Meer der Zeit„.

In den Ferien zum Zen-Meister

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eigenes Bild

Philipp Holstein hat nicht unrecht: das Meer der Zeit umschwappt die Familien selten so gekonnt wie in den großen Ferien. Gewiss, Konfliktpotential lauert an jeder Ecke, aber man kann die gewonnene Auszeit im Sommer auch nutzen, um gemeinsam am Chillen zu arbeiten. Man muss nur ein wenig wollen, schon gelingt das Treibenlassen und schließlich ist man sein eigener Zen-Mönch, der entspannt den Wespen beim Ertrinken im Limonadeglas zusieht oder zum fünften Mal am Tag bereitwillig beim Bauern gegenüber die Meerschweine füttert.

Seit gestern sind wir wieder zu Hause in vertrauten Gefilden, die Ferien sind noch längst nicht zu Ende. Noch läuft das Zusammenspiel daheim analog zum Arbeitskampf: es herrscht Friedenspflicht zwischen Kind und Eltern. Alles ist tiefenentspannt. Dass Ylva bald die Uhr lernen sollte, ist während dieser von keinem Belang, wir leben augenblicklich zeitlos – ein Vakuum des Alltags, nur unterbrochen von den Mahlzeiten.

Der Loki der Beiläufigkeit

Natürlich ist derlei seelische Hochzeit trügerisch. Oft stellt sich erst später heraus, ob man sich vielleicht zu sicher fühlte, vielleicht unbeabsichtigt doch einer Fehlwahrnehmung aufsaß. In meinem Fall gab mir das Schicksal drei Tage Aufschub. Der erste Riss des neuen Zen-Universums im Hause Wehrmann folgte mit dem folgenschweren Wiedereintritt in die Konsumstratospähre. Fatalerweise hatte ich ihn selbst ausgelöst, quasi als Loki der Beläufigkeit.

Der Schmetterlingseffekt begann in der Drogerie, als mich Ylva fragte, welche der vielen einfolierten Kinderzeitschriften inklusive Plastikspielzeug denn mit in die Ferienwohnung dürfe. Als neuer Zen-Meister antwortete ich natürlich nicht ablehnend und hoffte insgeheim auf die reinigende Kraft der kindlichen Vernunftsabwägung (Wie lange spiele ich damit? Interessiert mich das Heft dazu überhaupt? Wären drei Kugeln Eis nicht vielleicht lohnender?). Ich streute ein paar Bemerkungen ein, die in Richtung Altersgrenzen, Preis/Leistung und Nachhaltigkeit gingen. Wie fatal Beiläufigkeit gepaart mit nachlassendem Kinderzeitschrifteninteresse und Zen-Bewusstsein sein können, merkte ich erst in der Ferienwohnung, als dort nach dem Drogeriegang die fünf apokalyptischen Reiterinnen einzogen.

„Ich kenn‘ schon alle Namen von Lego Friends, nur von der mit ‚e‘ vorne kann ich ihn jetzt gerade nicht…“

Andrea, Mia, Olivia, Stephanie und Emma sorgten nicht gleich für ein geistiges Tohuwabohu, sondern erst später. Ich muss dazu sagen, die fünf Freundinnen selbst trifft nicht mal die Schuld. Die Lego Friends aus Heartlake City sind von Natur aus eher stoisch und sorgten durchaus für autodidaktische Momente meiner Tochter: „Ich kenn‘ schon alle Namen von Lego Friends, nur von der mit ‚e‘ kann ich ihn jetzt gerade nicht, aber die darf trotzdem mitmachen“. Spielzeug alleine reichte ihr nicht mehr, die Geschichten in dem Magazin waren mindestens genauso interessant, wurden stundenlang studiert und großzügig mitgeteilt. An dieser Stelle befanden wir uns noch im Zen-Garten, in dem Ylva ausgeglichen zwischen Traumblüten und Wunschgebilden umher streifte. Und Heartlake City war ganz weit weg.

Die Abkehr vom Chillen begann, als ich vorschlug, man könne doch von Ylvas gespartem Geld ein wenig Nachschub für die eine Freudin aus dem Heft besorgen. Immer nur ganz alleine mit ihrer Schildkröte – das würde sie – fragen Sie nicht, wer von diesen fünfen es ist – sicher auch langweilig finden. Spontane Freude, juveniler Enthusiasmus samt Proklamation, man werde der Lego-Dame höchstselbst „noch mal eben kurz“ mitteilen, dass eine Lieferung für ins Haus stünde. Wenn es bei der Entscheidungsfindung doch auch „noch mal eben kurz“ ablaufen würde…

Mehr Flow in Heartlake City

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eigenes Bild

Aber das war es eher weniger. Der Plan war recht simpel: 15 Euro standen zur Verfügung, davon sollte der Friends-Nachschub bezahlt werden. Ein kleiner Rest – etwa für einfolierte Kinderzeitschriften inklusive Plastikspielzeug – sollte noch übrig bleiben: „Hier sind die Damen. Guck‘ mal, was die hier so haben, such‘ dir was aus und dann gehen wir zur Kasse.“ Simpel klingt das natürlich nur für erwachsene Möchtegern-Zen-Mönche.

Das Drama nahm seinen Lauf: Erklärungen, wie welche Pakete für 10 Euro erworben werden könnten, folgten Erklärungen, dass die meisten Verpackungen das Budget sprengen würden. Es folgten Volten, dass auch andere Produktpaletten schön wären („Ich muss nicht Friends kaufen, Papa!“), Spitzfindigkeiten, dass Kindergartenfreunde ja dieses und jenes auch hätten – und das sie überhaupt viel mehr von diesem und jenen hätten. Es folgten Aufforderungen, noch mal genau zu überlegen, mit was wann mehr Freude für die Freundin zu erzielen wäre und ob statt Hund oder Pferd nicht eine flotte Pizzabäcker- oder Kiosk-Freundin für mehr Flow in Heartlake City sorgen würden.

Nach einer halben Stunde und etlichen Mantra-ähnlichen Beschwörungen des eben erwähnten Diskussionsstoffes setzte ich eine Auszeit durch. Den Vorschlag, an anderer Stelle das Glück abermals und mit mehr Überlegung zu fordern, nahm Ylva dankend an – der Zug nahm wieder Fahrt Richtung Entspannung auf, aber nur vorerst.

Todesstern im Chill Space

Bei den nächsten Haltepunkten das gleiche Spiel: wahlweise nahmen Entscheidungsoverkill oder Entdeckungskatatonie (oder umgekehrt) von der Tochter Besitz, die arithmetischen Fangfragen nahmen mit der Verpackungsgröße zu, der Kaufwille von Regal zu Regal ab. Fragen stellten sich: Warum hatte ich beiläufig diese Einkaufsidee in den Zen-Garten gepflanzt? Warum kostet der Lego Star Wars-Todesstern 420 Euro, das komplette Ewok-Dorf aber knapp 180 Euro weniger wo es doch mehr Einzelteile zu haben schien? Warum läuft es nicht mehr rund im Chill Space? Je mehr Fragen sich aufdrängten, je länger wurde die Suche nach Lösungen, inklusive Zickereien und roten Köpfen.

Nach zwei Stunden hatte sich Ylva endlich für eine kleine Friends-Ration entschieden. Aber in der Hand halten, heißt nicht kaufen – man hatte ja noch was zum kleinen Verprassen. Und auch dafür fand sich eine Viertelstunde später eine Lösung. Zweieinviertel Stunden oder 135 entspannungsfreie Minuten später nahm unsere Mission ein Ende. Ich erinnerte mich an einen Dialog aus der Kolumne vom Kollegen Holstein. Der Sohn bat ihn, die Musik auszumachen, weil man sonst die Grillen nicht hören könne. Ja, so kann es gehen mit der Entstehung von Sommer-Zen-Momenten.

Es geht aber auch anders. Nach einem Abstecher im Elektrofachhandel und zwei Einkäufen auf meiner Habenseite waren Anspannung und Entscheidungsmühsal bei uns wieder vergessen und die großen Vorhaben innerhalb der Spielzeugwelt waren wieder präsent. „Ich bin jetzt glücklich“, meinte Ylva. „Ich auch“, erwiderte ich auf dem Heimweg im Bus.

Na bitte, die Zen-Meister in Ausbildung haben wieder zur Ferienentspannung gefunden.

 

 

 

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