Filmkritik: Spectre

Knapp drei Jahre sind seit „Skyfall“ vergangen, nun ist das 24. Abenteuer von James Bond in den Lichtspielhäusern angelaufen. Zum vierten Mal übernimmt Daniel Craig die Rolle des Geheimagenten. Ob es sein letzter Auftritt sein wird, wie spekuliert wird? Sicher scheint: Sollte „Spectre“ mindestens ebenso kommerziell erfolgreich wie sein Vorgänger sein – mit über einer Milliarde Euro Einspielergebnis laut The Numbers -, dann wird Craig einer entsprechend Offerte sicher nachgeben werden.

Nicht nur an den Kinokassen hatte Skyfall neue Maßstäbe für den Franchise gesetzt. Erstmals nach „Feuerball“ schaffte es ein Bond-Abenteuer bei den Academy Awards erfolgreich zu sein. In zwei Sparten konnte der 007-Streich einen Oscar gewinnen: für Adeles hervorragenden Titelsong sowie für den Tonschnitt. Ton, Filmmusik und die Kamera (Roger Deakins) wurden ebenfalls mit Nominierungen belohnt. James Bond katapultierte sich in eine andere Liga, wie die Süddeutsche Zeitung so treffend feststellte – cineastisch und kommerziell.

Als vor knapp einem Jahr im Dezember 2014 die Darsteller des 24. 007-Leinwandabenteuers in den Pinewood Studios offiziell vorgestellt wurden (das YouTube-Video dazu gibt es hier), war ich einerseits erfreut und besorgt zugleich: Ein ebenbürtiger Nachfolger, geht das überhaupt? „James Bond will return“ – das kennt man ja, oftmals mit weniger guten Erinnerungen.

Worum geht es in „Spectre“? Lassen wir die Inhaltsangabe der deutschen Filmseite sprechen:

Eine mysteriöse Nachricht aus der Vergangenheit schickt James Bond (DANIEL CRAIG) ohne Befugnis auf eine Mission nach Mexico City und schließlich nach Rom, wo er Lucia Sciarra (MONICA BELLUCCI) trifft. Sie ist die schöne und unantastbare Witwe eines berühmt-berüchtigten Kriminellen. Bond unterwandert ein geheimes Treffen und deckt die Existenz der zwielichtigen Organisation auf, die man unter dem Namen SPECTRE kennt.

Derweil stellt der neue Chef des Centre for National Security Max Denbigh (ANDREW SCOTT) in London Bonds Tätigkeit in Frage und ebenso die Relevanz des MI6 unter der Führung von M (RALPH FIENNES). Heimlich bittet Bond Moneypenny (NAOMIE HARRIS) und Q (BEN WISHAW), ihm dabei zu helfen, Madeleine Swann (LEA SEYDOUX) aufzuspüren. Sie ist die Tochter seiner alten Nemesis Mr. White (JESPER CHRISTENSEN) und wahrscheinlich die einzige Person, die im Besitz eines Hinweises ist, mit dem sich das undurchdringbare Netz um SPECTRE entwirren lässt. Als Tochter eines Killers ist sie außerdem dazu in der Lage, Bond wirklich zu verstehen. Etwas, das die meisten anderen Menschen nicht können.

Während Bond immer tiefer in das Herz von SPECTRE vordringt, findet er heraus, dass es eine überraschende Verbindung gibt, zwischen ihm selbst und dem Feind, den er sucht, gespielt von CHRISTOPH WALTZ.

Parallelen zum anderen Blockbuster um Agenten sind unvermeidbar. Wie beim aktuellen Mission:Impossible-Teil steht die Abteilung von James Bond vor der Auflösung – „ein prähistorisches Relikt“, wie es Max Denbigh ausdrückt. Die einzigen Parallelen zu dem Tom Cruise-Film? Dazu später mehr.

Die Eröffnungssequenz ist mit einem Wort: atemberaubend. Diese knapp fünfminütige Plansequenz ist in ihrer Eleganz ein Meisterstück und eine Meilenstein in der Geschichte des Franchise. Überhaupt finde ich den Start des Films gekonnt, die Tage der Toten in Mexiko Stadt ist als Setting eine wohltuende Abwechslung von dem üblichen Einerlei und optisch ein Augenschmaus.

Eine Stärke des Films sein Kameraregisseur Hoyte van Hoytema. Der Niederländer hat bereits für die Verfilmung des John le Carré-Klassikers „Dame, Bube, As, Spion“ und Christopher Nolans Science Fiction-Film „Interstellar“ eine stimmige Bildsprache gefunden. Auf dem Blog der Vereinigung des amerikanischen Kamerleute (ASC) erklärt Sam Mendes ausführlich, warum er Spectre nicht digital sondern auf 35mm-Film drehen ließ. Und die Entscheidung ist verständlich: Der Film sieht mit seinen vielen Totalen, in seinen szenischen Kompositionen und den Actionsequenzen (die Ausleuchtung in Rom: grandios) einfach prächtig aus und unterstreicht die nostalgisch-referenzielle Note des Films gekonnt. Optisch fand ich Spectre noch besser als seinen Vorgänger. Das Spiel mit dem Licht – auch Stimmungen zu erzeugen – ist meisterlich. Hier ein Vlog:

Das Schauspielerensemble ist nicht 08/15. Daniel Craig ist in seiner Rolle seit Skyfall „drin“, hier rückt er noch ein bisschen enger an Sean Connerys Interpretation des Agenten. Das Drehbuch erlaubt ihm nicht nur bullige Action, sondern mehr Gags. Das schöne daran: nie wirken sie käsig oder aufgesetzt, sie fügen sich ein. Die leicht augenzwinkernde Humor-Note steht Craig. Die Dialoge mit Q (großartig: Ben Whishaw) sind wie beim ersten Aufeinandertreffen in der National Gallery herrlich:

„007, als ich Sie bat, alles in einem Stück wiederzubringen, meinte ich nicht ein Stück“.

Q

Über Monica Bellucci als „Bond Lady“ ist viel geschrieben worden, ihr Auftritt selbst ist solide, aber viel zu kurz um im Gedächtnis zu bleiben. Da ist Léa Seydoux‘ Madelaine Swann von anderem Kaliber. Selbstbewusst und verführerisch zugleich passt sie gut zu neuen 007-Interpretation Daniel Craigs. Ralph Fiennes, Naomie Harris, Ben Whishaw und Rory Kinnear als MI6-Garde mit mehr Spielzeit sehen zu können, hat mir gut gefallen. Von Andrew Scott als „C“ erhält man das, was man von seiner Moriaty-Rolle aus „Sherlock“ kennt, Dave Bautista gibt eine überzeugende Odd Job-Variante ab. Auch Christoph Waltz weiß in seiner Bösewicht-Rolle zu überzeugen – er zeigt das, was man von ihm erwartet. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die Actionsequenzen sind überzeugend gemacht, mit einem realistischen Touch – sofern das bei solchen Filmen möglich ist. Auf Over the top-Sequenzen, wie bei Mission:Impossible 5 muss man verzichten, was ich nicht vermisst habe. Story hat hier Vorrang vor Action. Nicht missverstehen: geboten wird viel, aber Fans von aufgemotzten, unwirklichen Spektakelszenen werden enttäuscht sein.

Fazit

Es gibt Schwachstellen: der lahme Titelsong nach dem furiosen Auftakt ist schwer verzeihlich, ebenso der wieder unspektakuläre Score von Thomas Newman (ohne echtes Bond-Thema bis auf den Schluss). Auch das Bond-untypische Ende ist gewöhnungsbedürftig, eine von (verzeihlichen, aber vermeidbaren) Drehbuchschwächen. Das letzte Viertel wirkt gehetzt, das hätte zeitlich sittsamer und logischer vollführt werden können. Die vier Autoren hätten sich insgesamt für eine straffere Version entscheiden sollen. Dennoch fügen sich die Referenzen an ältere Bond-Streifen, Plot und Bonds sublim ausgerollte Frage nach seiner Profession (Killer als Dienstleister) zu einem gelungenen Ganzen zusammen.

Man darf nicht vergessen: der Film ist ebenso Bond-untypisch lang. Die 148 Minuten – das muss man Sam Mendes einfach zu gute halten – wirken nie zäh, gestreckt oder öde. Spectre schafft es, über die gesamte Länge zu unterhalten ohne zu langweilen, ist elegant geschnitten und überzeugt absolut in der Kameraführung. Der Cast ist gut aufgelegt und enttäuscht nicht. Oscarreife Vorstellungen sollte man nicht erwarten, es ist auch „nur“ ein Bond-Film.

Wenn es so zum 25. Filmdienstjubiläum weitergeht, freue ich mich auf das Versprechen:

James Bond will return

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