Woody Allen: Seine Filme, sein Leben

Am 1. Dezember wird Woody Allen seinen 80. Geburtstag feiern. Noch immer schafft er es, seinen Rhythmus beizubehalten und einen Film pro Jahr veröffentlichen – stets zuvor als Drehbuch auf seiner Schreibmaschine der Marke „Olympia“ verfasst. Soeben ist sein neuestes Werk „Irrational Man“mit Joaquin Phoenix und Emma Stone in den Kinos angelaufen, das in diesem Jahr in Cannes seine Welturaufführung erlebte.

Allen wäre nicht Allen, wenn er in der Zwischenzeit nicht schon mit der Arbeit an einem weiteren Film begonnen hätte. Seine Anhänger wissen: nach dem „untitled Woody Allen project“ ist vor dem „untitled Woody Allen project“. In dem kommenden Film sollen u.a. Kristen Stewart, Jesse Eisenberg und Steve Carrell (für Bruce Willis) zu sehen sein.

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Foto: ©Edition Olms

Mit über 50 abgedrehten Filmen, vier Academy Awards (bei insgesamt 24 Nomierungen) und neun BAFTAs ist der unermüdliche New Yorker nicht nur besonders produktiv und erfolgreich, sondern längst fester Bestandteil des cineastischen Kanons. Passend zu seinem runden Geburtstag sind gleich zwei umfangreiche Bücher erschienen: „Woody Allen: Film by Film“ des britischen Filmkritikers Jason Solomons sowie „Woody Allen: A Retrospective“ seines Kritikerkollegen Tom Shone. Während Solomons‘ Buch nur in englischer Sprache vorliegt, ist Shones Bildband auch auf deutsch erschienen.

Ein Detail, das sofort Freude auf den Inhalt macht

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Foto: ©Knesebeck Verlag

Die deutschsprachigen Fans dürfen sich freuen, dass Knesebeck „Woody Allen – Seine Filme, sein Leben“ verlegt. Der Knesebeck Verlag tat gut daran, das britische Cover von Thames & Hudson zu übernehmen. Der Umschlag der US-amerikanischen Ausgabe von Abrams ist nichts weniger als scheußlich.

Was sowohl beim britischen als auch beim deutschen Bildband sofort wohlwollend ins Auge fällt: der Titel ist in Windsor gehalten, der bevorzugten Schriftart des Filmemachers seit „Der Stadtneurotiker“. Wer mehr zur Verbindung Windsor-Allen lesen will, dem seien die Artikel auf kitblog und dem Guardian empfohlen. So oder so: es ist ein Detail, das sofort Freude auf den Inhalt macht.

Noch mehr Freude machen natürlich die über 250 Abbildungen, die Allens Oevre begleiten. Sie geben dieser fundierten Monografie einerseits das Flair eine coffee table books. Aber auch trotz der rund 100 vorher unveröffentlichten Fotos aus Woody Allens Privatarchiv sollte man sich nicht täuschen lassen: hier liegt kein Bildband vor, sondern ein profundes Buch über die Arbeit des Jubiliars – eine kongeniale Ergänzung zum dem ebenfalls lesenswerten Buch „Woodys Welten“ von Hans Gerhold, das leider längst vergriffen ist. Dem Anspruch, Fan und Interessiertem einen umfassenden Einblick in das Schaffenswerk des in Brooklyn geborenen Regisseurs, wird der Band mehr als gerecht.

Ein großer Pluspunkt ist die chronologische Reihenfolge der cineastischen Aufbearbeitung, in der auch Allens Anfänge als Stand-up-Comedian und seine ersten Fernseh-Auftritte – etwa bei Johnny Carson – nicht vergessen werden. Schwerpunkt ist die Hochphase, beginnend mit „Der Stadtneurotiker“ über „Zelig“ und „Hannah und ihre Schwestern“ zum nostalgischen „Radio Days“. Das bedeutet nicht, das Shone anderen Filmen weitaus weniger Beachtung schenkt, aber er würdigt die womöglich beste Zeit Woody Allens ein wenig mehr.

Was nicht bedeutet, dass neuere oder weniger populäre Filme nur beiläufig erwähnt werden. Auch hier zeigt sich die liebevolle Detailarbeit Tom Shones, wenn er beispielsweise die Arbeit zwischen Diane Wiest und ihrem Regisseur zu „Bullets over Broadway“ beschreibt. Wiest war unzufrieden, wie sie Ihre Rolle der Diva Helen Sinclair angelegen sollte und Allen riet, es mit anderer Stimmlage zu probieren. Wiest senkte ihre Stimmlage um eine Oktave – mit Erfolg. Je tiefer sie sprach, umso witziger und treffender wurde ihre Darstellung, die später auch mit einem Oscar belohnt wurde. Nicht sprechen…

Dass Diane Wiest Tom Shones Lieblingsschauspielerin in Allens Filmen ist, verriet er der Fanseite The Woody Allen Pages, die zum Erscheinen seines Buches ein lesenswertes Interview mit ihm veröffentlichte. Dort verriet er auch, dass er den Filmemacher erstmalig 1997 selbst interviewte. Am Beispiel von Diane Wiest lässt sich eine großes Plus der Monografie ausmachen: die Sprache. Die Filme werden nicht zu Tode analysiert und Fakten stumpf heruntergebetet. Notwendige Details und Hintergrundinformation sind sprachlich gut aufeinander abgestimmt, Shones Schreibstil ist angenehm zurückhaltend und doch nonchalant, wie Guy Lodge in seiner Rezension im Observer bemerkte, der ich mich anschließe:

I especially love his description of actress Dianne Wiest’s face as “[seeming] always to photograph in soft focus”

Uneingeschränkte Empfehlung

Ob als Kaffeetischbuch, Nachschlagewerk oder repräsentativer Bildband: „Woody Allen – Seine Filme, sein Leben“ ist ein Muss für seine Fans. Besonders, weil sie auf dem deutschen Buchmarkt ohnehin wenig Auswahl haben. Aber gerade seine Stärken – stets informativ, nie plump verklärend und trotz aller Fülle um ein Maß an Abstand bemüht zu sein – machen das Buch für Filmfreunde insgesamt interessant oder wie es das Onlinemagazin Prospect in seiner Kritik ausdrückte: Woody Allen ist ein (Kultur)Phänomen – und das zeigt Tom Shone vortrefflich. Allens eigenem Anspruch kommt seine Retrospektive jedenfalls ziemlich nah, wenn auch auf umgekehrte Weise:

Ich möchte nicht durch meine Arbeit unsterblich werden. Ich möchte unsterblich werden, indem ich nicht sterbe.

Woody Allen

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Foto: ©Knesebeck Verlag

An dieser Stelle sei erwähnt, dass von Shone ein mindestens ebenso beachtenswertes Filmbuch über einen anderen New Yorker vorliegt: „Martin Scorsese: Seine Filme, sein Leben“ ist auf deutsch ebenfalls im Knesebeck Verlag erschienen.

 

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Ein Kommentar zu „Woody Allen: Seine Filme, sein Leben

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