Laufen ist Denksport?

Woran denkt der Läufer der beim Laufen? Ich laufe ja seit nunmehr drei Jahren mit App und Musik – rein zu Statistik- und Ablenkungszwecken. Um beim Thema zu bleiben: Auch damit die grauen Zellen abgelenkt werden? Nein, so extrem ist es nicht. Ich denke schon, nur will ich mich bewusst von einem geistig frei machen: dem Laufen.

In einem bemerkenswert knappen Artikel zum Thema Laufsport textet der Stern analog zu meiner These: „Laufen sollte eine Insel der Gedankenlosigkeit sein“. Das ist, mit Verlaub, natürlich grober Unfug. Natürlich denkt man während des Laufens. Ich mache mir schon beim Loslaufen Gedanken darüber, dass ich ja auch wieder ankommen muss (und schicke stets ein Stoßgebet hinterher, dass auch klappen mag). Aber sonst? Abgesehen von notwendigen Entscheidungen, wie Streckenwahl lasse ich da sonst wenig an das Oberstübchen ran. Ob richtiger Armschwung, Intervallzeiten und Verbrennungsphasen – alles uninteressant.

Das Laufen, das Leben und der ganze Rest

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Foto: Hoffmann & Campe

Wenn aber nun beim Laufakt die Gedanken zwar frei, aber nicht losgelöst von allem sind – wo sind sie denn dann? Der renommierte deutsche Autor Matthias Politycki hat in seinem ausdrücklich zu empfehlendem Buch „42,195 – Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken“ (Hoffmann & Campe) einen beachtlichen Satz in seinem Vorwort verfasst. Wer sich mit dem Laufen und all seinen Facetten beschäftige, der „beschäftige sich unweigerlich mit der Verfaßtheit des Menschen schlechthin, des Menschen in der postmodernen Eventgesellschaft.“

Politycki läuft seit mehr als 40 Jahren leidenschaftlich und sicherlich kennt er auch „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams. Wie sonst käme er schon im Vorwort zu der bemerkenswerten Verdichtung, Marathon (und Laufsport allgemein) sei rein gedanklich nicht mehr als: Das Laufen, das Leben und der ganze Rest. Dass die Antwort bei Douglas Adams und die Gesamtkilometerstrecke beim Marathonlauf (abgerundet) 42 lautet, kann doch kein Zufall sein. Schopenhauer, übernehmen Sie!

Ich laufe dissoziierend, also bin ich

Die Läufer – eine verschlagene Gruppe philosophierender Sportler. Oder Hardcore-Denker, die zufällig nur gerne laufen? Mir geht das alles ein Stück zu weit. Ich freue mich mich allerdings jedesmal auf meiner Runde über alles mögliche nachzudenken. Ich ersinne aberwitzige Kolumnen, grüble über bizarre Kurzgeschichtentitel, die T.C. Boyle und Woody Allen noch nicht geschrieben haben oder denke einfach: an nichts. Ist das noch Laufen oder schon Philosophieren?

Kommt es vielleicht darauf an, dass man während des Laufen richtig denkt? In einem Beitrag auf Runner’s World wird auf unterschiedliche Denkmuster hingewiesen, die unmittelbar mit dem Anspruch des Läufers an sich zu tun haben. Aussage des Textes: Denke strategisch auf der Runde und beim Wettkampf! Wer nicht auf Zeiten und persönliche Bestmarken achte, sei ein dissoziierender Läufer. Dieser Typ will während des Sports Kraft tanken, Ideen sammeln und einfach mal den Kopf frei machen. Assoziierende Läufer denken an Kilometermarken, Verpflegung, Pulsfrequenzen und so weiter.

Meine Mußeminuten des Tagträumens

Als ambitionierter Hobbyläufer liegt man also irgendwo zwischen André Heller, Roger Willemsen, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Haile Gebrselassie. An sich doch eine schöne illustre Runde, nicht wahr? Ich bevorzuge ja die Morgen- oder Abendrunde zur Kontemplation, der mentale Freiraum oder Gedankenspielplatz. Meine Mußeminuten des Tagträumens – irgendwie gedankenschwanger, aber nur ganz leicht – hätten Sie’s gedacht?

Aber woran denken wir, wenn wir laufen? An die große Politik, die Dusche danach oder an den Belohnungsimbiss? Eben.

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