Laufen ist Fußsport

Als ich vergangene Woche mit Ylva den ersten Teil der Hobbit-Trilogie sah, ist ihr ein entscheidendes Merkmal Bilbo Beutlins nicht aufgefallen – oder sie hat es einfach nicht offen ausgesprochen, weil es zu offensichtlich war: Halblinge gehen barfuß. Das ist insofern bemerkenswert – nicht das barfüßige Hobbit-Leben – als das sie gerne darauf hinweist, dass „deine Füße so weiß unten sind, Papa“. Kein Scherz: Unsere Tochter wollte uns zu Weihnachten einen Hornhautentferner schenken.

Noch Nicht-Schuh-Läufer oder schon Fakir?

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Längst keine Hobbit-Füße (eigenes Foto).

Wie komme ich von den eher gemütlichen Auenländern zur Hornhaut? Ganz einfach: auf meiner Morgenrunde heute sah ich einen Läufer vor mir, den ich einholen wollte. An sich nicht spannend, sah ich nach einer halben Minuten direkt rund fünf Meter vor mir und erblickte buchstäblich seine Sohlen – bar. Ja, werden einige denken, so ungewöhnlich ist das nicht. Und da sage ich: stimmt, aber denkt an den Untergrund.

Der gute Barfußläufer lief vor mir auf dem Schneckenslalom-Asphalt am Feldrand (samt spitzen Steinchen), Beton, Fußweg und Kopfsteinpflaster! Ist das noch Laufen oder schon die hohe Fakir-Kunst? Gerade, was das Nacktschneckenumrunden angeht, zolle ich dem Nicht-Schuh-Läufer meinen Respekt. Von den anderen Laufuntergründen will ich gar nicht erst anfangen…

Halblinge und Hornhaut

Und damit wären wir schon wieder am Anfang, bei Bilbo und Co. Haben Sie sich auch schon mal gefragt: Wieviel Hornhaut gesteht der Schöpfer seinen Hobbits? Vom Auenland in Wälder über und in Berge und Täler bis hinein zu Vulkanen – für Frodo, seine Gefährten sowie seinen Neffen gelingen diese Streckenüberwindungen scheinbar mühelos. Und auf was sie treten, ist ihnen und auch den Herren Tolkien und Jackson egal. Die Hornhaut sei gepriesen. Fußhindernisse spielen im Buch wie auch im Film keine Rolle, oder sollte ich etwas übersehen haben?

Wer sich die Hobbit-Füße das nächste Mal genauer ansieht, wird eben nicht nur die auffällige Behaarung auf dem Spann feststellen (Fuß-Epilierer scheinen tabu zu sein), sondern eben auch die recht dicke Sohle:

Kleiner Zeitsprung: Können Sie sich noch an Los Angeles 1984 erinnern. Die Olympischen Spiele waren seinerzeit die ersten, die ich am Fernseher ausgiebig verfolgte. Vom Boykott des Ostblocks abgesehen, erschlossen sich mir so sämtliche Disziplinen, die ich nur aus den Olympia-Büchern meines Vaters kannte. Dort sah ich das erste Mal eine Athletin, die bei einem internationalen Wettkampf ohne Laufschuhe antrat: Zola Budd. Ich weiß noch, wie Sie damals auf der 3000 Meter-Strecke antrat, die Kollision mit Mary Decker ist in die Geschichte der Spiele eingegangen (eindrucksvoll nachzulesen im Guardian). Barfuß? Bei Olympia? War das überhaupt erlaubt? Das war es, und die geborene Südafrikanerin war keinesfalls ein Einzelfall, und erst recht nicht bei Olympischen Spielen. Runner’s World hat vor einigen Jahren einen lesenswerten Artikel über die Geschichte des „Barefoot Running“ veröffentlicht, der Budd und Co. entsprechend würdigt.

Blank Dampf in allen Gassen

Im Angesicht des Gedanken an Zola Budd habe nach Überholung des Blanksohlen-Läuferkollegen natürlich gefragt: Warum nicht auch probieren? Es gibt ja gute Gründe für das Barfuß-Laufen. Die Welt bescheinigt der Methode Fuß-Doping-Charakter und Joggen.net weiß, dass neben vielen Aspekten der buchstäbliche Bodenkontakt ein maßgeblicher Vorteil sei. Zu guter letzt, so führte Professor Rüdiger Reer im Spiegel-Interview aus, habe der sportschuhfreie Fuß einen enormen Pluspunkt: da er so gut von selbst dämpfe, fördere man so seine natürliche Systeme viel intensiver. Im Internet findet man viele Anleitungen, wie man umstellen kann – ob zum Minimalschuh- oder Barfuß-Läufer. Vorsicht ist geboten. Nicht jeder darf oder sollte es und auf auf den Untergrund kommt es an!

Ich muss zugeben, das alles liest sich schlüssig und verlangt nach einer Probe. Da ich (noch) eher ein Weich-Hornhaut-Mensch bin, beschleichen mich Ungewissheit, Unsicherheit und Schiss. Nacktschnecken sind das eine, Glasscherben, fiese Steine und Insekten mit Stacheln etwas anderes. Alles nur Vorwände? Ja natürlich. Ich habe mir aber vorgenommen, das in Kürze auszuprobieren. Bis dahin verbleibe ich, so ich nicht wieder ankommen sollte, mit einem Spruch des bekanntesten Hobbits:

Du betrittst die Straße und wenn du nicht auf deine Füße aufpasst, kann man nicht wissen, wohin sie dich tragen.

Bilbo Beulin

(aus: Der Herr der Ringe)

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2 Kommentare zu „Laufen ist Fußsport

  1. Für die Fußmuskulatur und das Fußgewölbe und damit auch für das komplette Geläuf ist barfuß laufen auf jeden Fall super! Man muss vorsichtig anfangen, erstmal mit ein paar Minuten… sowohl zum langsamen Aufbau der entsprechenden Hornhaut als auch um Waden und Achillessehnen mit der Zeit daran zu gewöhnen.
    Aber ganz ehrlich, ich bin auch immer zu mimimimimi… weniger wegen der Nacktschnecken (die umlaufe ich auch mit Schuhen), sondern weil ich bei pieksenden Steinchen einfach super empfindlich bin (was sich mit der Zeit natürlich bessern würde…). Deshalb geh ich momentan den Mittelweg: Ich trage zum Laufen meistens Schuhe mit eher niedriger Sprengung, so um die 4 mm, da möchte ich mit der Zeit noch drunter gehen. Und in der Freizeit trag ich seit Kurzem wann immer möglich Leguanos, das ist sozusagen geschütztes Barfußlaufen, finde ich sehr angenehm!

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