Filmkritik: Logan – The Wolverine

eigenes Bild
Nach 17 Jahren des ersten X-Men-Spektakels ist nun der letzte Auftritt des vielleicht prominentesten um die von Professor Charles Xavier versammelten Mutanten in die Lichtspielhäuser gekommen: „Logan – The Wolverine“.

Regie führte erneut James Mangold, der bereits „Wolverine – Weg des Kriegers“ inszenierte.

Wikipedia fasst die Handlung wie folgt zusammen:

Im Jahr 2029 wird ein deutlicher Rückgang der Mutanten-Population verzeichnet. Im Laufe der Jahre verblasst zudem Logans Heilfaktor, Charles Xavier leidet unter einer Alzheimererkrankung und die X-Men gibt es nicht mehr. Als eine Organisation den Rest der verbleibenden Mutanten aufsucht, um sie als Soldaten zu rekrutieren, gerät Logan zwischen die Fronten. Mit Hilfe eines jungen Mädchens namens Laura Kinney, einem aus Logans DNS entwickelten weiblichen Klon von Wolverine, versucht Logan die Organisation zu zerschlagen.

Dass der Film sich weitgehend von dem X-Men-Universum entfernt, ist seine große Stärke. Die Spektakel – ob in Gegenwart oder Vergangenheit angesiedelt – erlahmten, wirkten angestrengt und besonders der letztjährige bombastische, zugleich inhaltsleere Beitrag „X-Men: Apocalypse“ bewies: ihre Geschichten waren auserzählt und zu reinen Trickmätzchen verkommen.

Bereits der erste „Logan“-Trainer deutete an, dass hier eine andere Geschichte aus dem derzeit allgegenwärtigen Superhelden-Universum erzählt werden will, eine die bodenständiger, dreckiger und im Kern verwundbarer ist – kongenial unterstrichen von Johnny Cashs Interpretation des Trent Raznor-Songs „Hurt„:

Verwundbarkeit ist auch das Leitmotiv des wunderbar von John Mathieson fotografierten Abschied-Wolverine-Films. Die Einstellungen an Western- und Film Noir-Filme, die Geschichte von gebrochenen, alleinstehenden Protagonisten erzählen. Und wie unfassbar gut, dass ein heute schon fast vergessener großartiger Western wie „Mein großer Freund Shane“ nicht nur in der Handlung anklingt, sondern auch als Ausschnitt selbst kurz zu sehen ist – vortrefflich eingestreute Referenz.

Mein großer Freund Wolverine

Wie Shane muss Wolverine erkennen, dass in dieser Welt kein Platz mehr für ihn ist. Ein klassisches Western-Motiv, das den Film trägt und ihn so wohltuend von den sich überwiegend selbst genügenden Superhelden-Filmen der vergangenen Zeit abhebt. Seine Geschichte selbst ist zu Ende erzählt, Heldentaten der Vergangenheit erscheinen längst nicht mehr so heldenhaft, die eigene Begabung wird zur existentiellen Bürde. Logans Selbstheilungskräfte stottern, alte Weggefährten sind bis auf Caliban und Professor X tot. Xavier leidet an Demenz, ist auf die Hilfe Wolverines und Calibans angewiesen – die Szenen Wolverines mit seinem Mentor sind ergreifend und bilden eines der Zentren des Films.

Allein Patrick Stewart – in seinem besten Auftritt als Charles Xavier – und Hugh Jackman zeigen, „dass der Film so gut ist, dass man vergisst, dass es sich um einen Comic-Film handelt“, wie es die New York Times auf den Punkt brachte. Dabei sind es weniger die Dialoge der beiden, sondern die einfühlsame Hilfe, die der eine dem anderen zu Teil werden lässt – wann war Altenpflege und Altern je ein Thema unter Superhelden? James Mangold thematisiert das unaufdringlich und mitfühlend wie einen selbstverständlichen Teil ihrer Existenz.

Gekonnt anders und erwachsen

Altern, Tod, Einsamkeit – die zentralen Themen „Logans“ sind so untypisch für den noch immer anhaltenden, aber stagnierenden Superhelden-Hype der aktuellen Kinogeschichte. Wo es bei DC grell, bombastisch und oberflächlich zugeht und sich Marvels eigene Adaptionen zunehmend in ausklügelten Tricks, ironischer Selbstreflexion und Filmverknüpfbarkeit ergehen, setzt Mangolds Film andere Akzente. Es ist nicht nur das erste Wolverine-Abenteuer, dass Hugh Jackman in seiner Verkörperung „stets verdient gehabt hätte“, wie es die Washington Post formulierte. Es ist ein Film, der würdevoll und ernst mit seinem Hauptcharakter umgeht und vor allem eines ist: erwachsen. Endlich ein Superhelden-Film, der sich erwachsen im Ton und Inszenierung gibt und auch Erwachsene bedient. Kein Lechzen nach Kindern, die im jeweiligen bunten Franchise auf simpelste Weise berieselt werden sollten.

The man comes around

Nein, von Berieselung ist nichts zu sehen. Das liegt am Schauspieler-Trio, das „Logan“ trägt, an der meisterlichen bodenständigen, handfesten Inszenierung und vor allem: an seiner Altersfreigabe. Konzessionen wie seine bonbonfarbenen Mitstreiter im Comic-Universum macht der glücklicherweise Film nicht. Es wird deutlich geflucht und noch deutlicher gemetzelt (gerade mit Blick auf das Alter von Logans Tochter nicht unproblematisch), aber nicht zum Selbstzweck. In James Mangolds zweiten Wolverine-Abenteuer geht es um Charaktere und ihre Entwicklung, nicht um trickreiche Mätzchen.

Deshalb hat mir der Film auch so außerordentlich gut gefallen: keine flachen Witze, toll fotografiert und konzentriert auf seine Charaktere. Neben „Shane“ hat mich der Film tonal an meiner Lieblingswestern erinnert: „Erbarmungslos“. Ich bin begeistert, endlich ein Gegenstück zu den beliebig gewordenen Franchise-Verhikeln, die nur noch in wenigen Ausnahmen ein erwachsenes Publikum ansprechen (wollen). „Logan“ wäre wie Eastwoods Film ein meisterlicher Schlussakkord für ein Genre, dass wenig Neues zu bieten hat. Allein dafür gebühren Hugh Jackman und seinem Regisseur alle Ehre. Der erste Superhelden-Western hat seine Sache brilliant gemeistert. Poetisch erzählt und bebildert trotz der teilweise harten Gewaltszenen – große Kunst in dem Genre. Und die letzte Einstellung bringt das noch mal gelungen aber dezent auf den Punkt.

Und welcher Film lässt schon den grandiosen Johnny Cash „The man comes around“ im Abspann spielen? Eben.

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7 Kommentare zu „Filmkritik: Logan – The Wolverine

  1. „Dass der Film sich weitgehend von dem X-Men-Universum entfernt, ist nicht seine Stärke.“ Klingt, als meinst du das andersrum? Hab aber den Kaffee noch nicht auf und weiß um meine vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit.

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